Zum 27. Sonntag im Jahreskreis am 02.10.22 (Lk 17,5-10)

 

In jener Zeit baten die Apostel den Herrn: Stärke unseren Glauben! Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Entwurzele dich und verpflanz dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen. Wenn einer von euch einen Knecht hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Komm gleich her und begib dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich, und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken. Bedankt er sich etwa bei dem Knecht, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.

 

Die Anregung, die uns Jesus mit dem Text des heutigen Evangeliums gibt, fügt sich an die Gedanken an, die wir uns machen sollten bei dem Gleichnis vom unehrlichen, aber klugen Verwalter, den Jesus wegen seiner Klugheit, nicht seiner Veruntreuung anvertrauten Kapitals lobt (Lk 16,1-8). Es geht in unserem Leben nicht darum, „Leistung“ gering zu schätzen, also zu zeigen, was  i c h  kann, sondern das eigene Tun nicht auf der Meinung zu gründen, dass  m e i n e  Anstrengung den Erfolg bringt, sondern dass es selbstverständlich ist, dass ich tue, was „dran“ ist, was „zu tun“ ist. „Wenn ihr alles getan habt, was euch aufgetragen wurde“, dann fühlt euch als „unnütze Sklaven“, die „nur ihre Schuldigkeit getan“ haben. Das widerspricht all unseren menschlichen Einsichten und Einstellungen, denn es ist doch selbstverständlich, dass ich für meine Arbeit angemessenen Lohn bekomme, dass ich „Anspruch“ darauf habe. Doch die Jünger spüren, dass Jesus, „der Urheber und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2), aus einer ganz anderen Kraft heraus lebt, dass er seinen „Erfolg“ nicht bezieht aus dem, was er in den Augen der Menschen „leistet“, „auf die Beine stellt“, „zuwege bringt“, sondern dass seine glaubend-betende Verbundenheit mit seinem Vater die Grundlage ist, die die Menschen in seiner Nähe erfahren lässt, dass „eine Kraft von ihm ausgeht, die alle heilte“ (Lk 6,19). So bitten ihn seine Jünger, diese Kraft, die sie auch in sich spüren dürfen – die zurückkehrenden Jünger „berichteten voll Freude: Herr, sogar die Dämonen gehorchen uns, wenn wir deinen Namen aussprechen“ (Lk 10,17) – in ihnen „zu stärken“. Sie spüren, dass diese Grundlage ihres Wirkens, ihrer „Leistung“, ein ganz anderer Ausgangspunkt für ihren staunenswerten Erfolg ist, dieser Glaube an Gott, der in Jesus seine, menschliche Kraft unendlich übersteigende, menschenfreundliche Wirkung zeigt. Aus dieser Erfahrung heraus können sie damit umgehen, dass Jesus ihnen von der Selbsteinschätzung als „unnütze“, nur das ihnen Aufgetragene tuende Knechte (und Mägde) spricht, die nicht aus dem Anspruch auf die eigene Leistung tätig sind, sondern aus der Überzeugung, dass sie ihre „Arbeitskraft“ aus dem „Glauben“ bekommen, der die Wurzeln eines fest in die Erde gegründeten Baumes ersetzt durch die „Verwurzelung“ im Meer, oder wie Matthäus (17,20 und 21,21) den Glauben beschreibt, als die Kraft, die „Berge versetzt“. Glaube rechnet sich nicht nach Quantität – er kann klein sein wie das kleinste Samenkorn – sondern nach der inneren Wachstumskraft, die Menschenunmögliches „leistet“. Sie kann nur vom Schöpfer selbst herkommen.

Lebe ich aus der Überzeugung, dass  i c h  es kann und zuwege bringe, oder aus der Glaubensüberzeugung, dass  i c h  es nicht kann, dass Gott aber  d u r c h  m i  c  h  vollbringen kann, was geschehen soll und geschieht? Ist für mich der Glaube die ermutigende und erstaunliche Kraft in meinem Leben, durch die mich der Schöpfer mitwirken lässt in seiner und an seiner Schöpfung? Bitte ich um „Stärkung meines Glaubens“?

Wolfgang Müller SJ

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