Zum 4. Sonntag im Jahreskreis am 29.01.023 (Mt 5,1-12a)

 

51 Als esus die vielen Menschen sah, stieg er auf den Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. Und er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach:  Selig, die arm sind vor Gott; / denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; / denn sie werden getröstet werden.  Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; / denn sie werden gesättigt werden. Selig die Barmherzigen; / denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die rein sind im Herzen; / denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; / denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; / denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. So wurden nämlich schon vor euch die Propheten verfolgt.

Jesus lehrt die Menschen, bevor er ihnen das Himmelreich verkündet. Wenn er sie heilt, so dass sie wirklich gesund sind bis ins Innerste, dann geht zweierlei voraus: Wer gesund werden will, muss erst die ernüchternde Tatsache erfahren und sich eingestehen, dass er krank ist. Nur dann ist wirkliche Heilung möglich. Aber das Wissen um die eigene Krankheit – nicht nur im leiblichen Sinn – ist nur die eine Seite. Jesus nützt sein Wissen darum, „was im Menschen ist“ (Joh 2,25), dazu, „mit Vollmacht“ (Mk 1,22) die Seligkeit des Gottesreiches zu verkünden: „Selig seid ihr!“, ruft er denen zu, die in unseren Augen, in unserer ganz selbstverständlichen Einschätzung genau das Gegenteil sind: Mangelwesen, die unseres Mitleids bedürfen in der ihrer Not entsprechenden Weise. Für Jesus beginnt die Seligkeit, das Glück, die Vollendung bereits in der bedrängenden Situation, in der die Trauernden, die Hungrigen und Durstigen, die Verfolgten, die Belächelten, die Beschimpften sind, „denn ihnen gehört das Himmelreich“. Es ist kein Vertrösten derer, die zu kurz gekommen sind, sondern ein echter Trost, hinter dem die Garantie steht, dass ihnen wirklich zukommen wird, wonach sie sich sehnen.

Wo wir uns selber holen, was wir brauchen, oder aus eigenen Kräften denen helfen, die uns brauchen, werden wir nie die Erfüllung finden, auf die unsere tiefste Sehnsucht gerichtet ist. Wo wir Gewalt anwenden, um Missstände zu überwinden, greifen wir zu kurz. „Die Armen habt ihr immer unter euch...“ (Joh 12,8); „In der Welt seid ihr in Bedrängnis...“ (Joh 16,33) sind Worte Jesu, die uns deutlich machen, dass er die „Seligkeiten“ als „Seligpreisungen“ versteht, die nicht mit der unmittelbaren Erfüllung zu tun haben, wie wir sie uns vordergründig wünschen, sondern mit der Beziehung zu ihm in der Situation hier und jetzt. Das erfährt am Kreuz der Verbrecher, der nicht in erster Linie an die Rettung vom Kreuzestod denkt, sondern an das Reich Jesu, in das er uns vorausgeht und wohin er die holt und gleichsam mitnimmt, die ihn darum bitten (Lk 23,42). So sehr Jesus zu Hilfe kommt ganz konkret, es ist immer zeichenhaft und steht für seine Botschaft vom Reich, das über diese Welt hinausweist.

Kann ich meine Nöte und Mängel mit den Augen Jesu als beginnende „Seligkeit“ sehen? Erlebe ich darin die Hoffnung, „die nicht zugrunde gehen lässt, weil die Liebe Gottes ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns geschenkt ist“? (Röm 5,5). Versuche ich in den Nöten der Menschen, vor denen ich hilflos stehe, auch eine „Seligkeit“ oder eine Chance voller Hoffnung zu sehen aus der Sicht des Glaubens heraus?

Wolfgang Müller SJ

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